Charles Hughes und Direct Play: Wie POMO die Jugendausbildung in England gestaltet
In der Welt des Jugendfußballs dreht sich alles um das Finden des richtigen Gleichgewichts zwischen Spaß, Entwicklung und taktischem Verständnis. Einer der einflussreichsten Denker, der versucht hat, dieses Gleichgewicht zu definieren, ist Charles Hughes, ehemaliger Director of Coaching der Football Association (FA). Sein Ansatz, bekannt als Direct Play oder POMO (Positions Of Maximum Opportunity), basiert auf statistischen Analysen von Spielmustern und hat einen bleibenden Einfluss darauf, wie englische Jugendmannschaften ausgebildet werden. In diesem Artikel tauchen wir tief in den Kern von Hughes’ Methode ein, die zugrunde liegende Philosophie des englischen Fußballs, und geben konkrete Hilfestellungen für Trainer und Eltern.
Was ist Direct Play und das POMO‑Konzept?
Direct Play, wie Charles Hughes es formulierte, ist ein Spielstil, der darauf abzielt, den Ball so schnell wie möglich von der eigenen Hälfte in eine Position zu bringen, in der eine Angriffschance entsteht. Die Idee ist simpel: unnötige Pässe minimieren und die Chance auf eine produktive Aktion maximieren. Der Begriff POMO (Positions Of Maximum Opportunity) bezieht sich auf die spezifischen Zonen auf dem Spielfeld, in denen laut den Reep‑Statistiken – einer umfassenden Analyse von Ballbesitz und Bewegungen – die größte Wahrscheinlichkeit besteht, ein Tor zu erzielen oder einen gefährlichen Angriff zu starten.
Hughes stützte dieses Konzept auf die Arbeit des britischen Statistikers L. Reep, der zeigte, dass die meisten Tore aus Ballbesitz im letzten Drittel des Spielfelds resultieren, während die meisten Angriffe in der gegnerischen ersten Hälfte oft bereits in der Mittellinie beginnen. Indem Spieler trainiert werden, den Ball schnell in diese „maximale Chancen“-Zonen zu spielen, entsteht ein natürlicher Druck auf die Verteidigung des Gegners.
In der Praxis bedeutet Direct Play, dass Spieler lernen, den Ball mit ein oder zwei Pässen nach vorne zu bewegen, wobei der Schwerpunkt auf der Qualität der Entscheidung statt auf der Quantität der Pässe liegt. Es ist ein Stil, der sich für schnelle, vertikale Bewegungen eignet und dem Spieler ermöglicht, ständig nach „danger zones“ zu suchen und diese zu nutzen.
Warum Direct Play in das englische ‘England DNA’ und die EPPP‑Struktur passt
Die englische Jugendausbildung wird oft als das ‘England DNA’ beschrieben: eine Kombination aus Ballbesitz, einer spielorientierten Herangehensweise und einem Fokus auf technische Fertigkeit. Obwohl das DNA traditionell mit einem eher detaillierten, „possession‑based“ Spiel verbunden wird, bietet Direct Play eine ergänzende Dimension. Es bringt eine zielgerichtete, ergebnisorientierte Komponente in die Entwicklung junger Spieler, wodurch der Übergang von einem rein technischen Spiel zu einem taktisch bewussten Spiel beschleunigt wird.
Das Elite Player Performance Programme (EPPP) der FA, mit seinen Phasen und Kategorie‑Audits, legt einen klaren Weg für die Talententwicklung fest. In der frühen Phase (Kategorie 1) liegt der Schwerpunkt auf technischer Grundlage und kleinen Spielformen. Direct Play wird in dieser Phase durch kleinseitige Trainings integriert, die die Spieler zwingen, schnell nach den „maximalen Chancen“-Zonen zu suchen. Es verkürzt die Distanz zwischen Ballbesitz und Angriff, sodass die Spieler bereits früh lernen, den Raum zu lesen und die richtigen Momente zu erkennen.
Die ‘Levett‑Reform’ der kleinseitigen Formate (small‑sided) ist ein wichtiger Baustein. Durch die Organisation von Spielen 5‑gegen‑5 oder 7‑gegen‑7 erhält jeder Spieler mehr Ballkontakt und wird gezwungen, Entscheidungen unter Druck zu treffen. In einem solchen Setting kann die Direct Play‑Philosophie praktisch ausprobiert werden: ein schneller Umschalt, ein kurzer Pass zu einem Spieler, der gerade in einer ‘POMO‑Zone’ ankommt, und ein direkter Angriff auf die Verteidigung.
Auswirkungen auf die Entwicklung junger Spieler: von U11 bis U13
In der englischen Jugendstruktur wird das Abseits rund um die U11 eingeführt. Dies ist ein entscheidender Moment, weil es die Spieler zwingt, sich der Position ihrer Mitspieler und des Gegners bewusst zu werden. Direct Play profitiert von diesem Moment: Wenn Spieler lernen, sich in einer „maximalen Chancen“-Zone zu positionieren, verstehen sie automatisch die Implikationen des Abseits. Sie lernen, ihre Bewegungen zu timen, sodass sie nicht unbeabsichtigt eine Abseits‑Situation erzeugen, sondern vielmehr für einen schnellen Angriff offenstehen.
Der Übergang zum vollen 11‑gegen‑11-Spiel findet rund um die U13 statt. Bis zu diesem Alter haben die Spieler über kleinseitige Formate und die Direct Play‑Prinzipien eine solide Basis aufgebaut. Beim Schritt zu 11‑gegen‑11 verlagert sich der Fokus auf das Erkennen des größeren Raums und das Anpassen der POMO‑Zonen auf ein breiteres Spielfeld. Die Spieler, die bereits mit der Suche nach und Nutzung von „maximalen Chancen“ vertraut sind, können schneller zwischen kleinseitigen und vollen Formaten wechseln, weil sie bereits eine innere Karte haben, wo sich die gefährlichsten Zonen befinden.
Für die individuelle Entwicklung bedeutet dies, dass ein Kind, das von klein auf lernt, direkt zu spielen, nicht nur schneller einen Angriff aufbauen kann, sondern auch besser versteht, wie es sich im Verhältnis zu Mitspielern und Gegnern positionieren muss. Es stärkt das Spielverständnis, die Entscheidungsfähigkeit und die körperliche Vorbereitung – alles wesentliche Zutaten für einen erfolgreichen Übergang zu höheren Spielstufen.
Wie Eltern und Trainer Direct Play in der Praxis umsetzen können
Die Implementierung von Direct Play in einem Jugendteam erfordert einen gezielten Ansatz. Trainer müssen zunächst die Grundprinzipien von POMO klar vermitteln: wo liegen die „maximalen Chancen“-Zonen auf dem Spielfeld und wie kann ein Spieler mit ein oder zwei Pässen dorthin gelangen? Anschließend muss das Training so gestaltet werden, dass die Spieler regelmäßig in Situationen kommen, in denen sie diese Zonen suchen müssen.
Eine effektive Methode, dies zu erreichen, besteht darin, Übungen zu entwerfen, bei denen ein begrenzter Raum (zum Beispiel ein 30‑Meter breiter Streifen) verwendet wird und ein Team von drei Spielern versucht, den Ball mit möglichst wenigen Pässen in ein bestimmtes Endgebiet zu bringen. Der Trainer kann dabei Feedback zur Geschwindigkeit der Ballbewegung und zur Passwahl geben.
Für Eltern ist es wichtig, die Bedeutung von „Qualität vor Quantität“ zu unterstützen. Anstatt sich auf die Anzahl der Pässe zu konzentrieren, die ihr Kind macht, können sie ermutigen, zu prüfen, ob ihr Kind den Ball in eine Position bringt, in der eine Angriffsmöglichkeit entsteht. Das Gespräch zu Hause kann sich auf Fragen wie: „Wo war der beste Platz auf dem Feld, um den Ball zu spielen?“ oder „Was würdest du getan haben, um die Verteidigung schneller unter Druck zu setzen?“ richten.
Zusätzlich hilft es, den Fortschritt von U11 zu U13 als Messlatte zu nutzen. Bei U11 liegt der Fokus auf dem Erlernen der Abseitsregeln und dem Erkennen der ersten ‘POMO‑Zonen’. Trainer können hier Spielformen einführen, bei denen ein Spieler nur dann ein Tor erzielen darf, wenn er sich in einer vorher definierten Zone befindet, wodurch der Spieler lernen muss, diese Zone zu erreichen, ohne ins Abseits zu geraten.
Rund um die U13 wird das volle 11‑gegen‑11 eingeführt, und der Coach muss anschließend die Trainingseinheiten mit größeren Spielfeldaufstellungen und komplexeren Bewegungsmustern erweitern. Es bleibt jedoch wichtig, den Kern von Direct Play beizubehalten: schnelle Ballbewegung, Minimierung unnötiger Pässe und das Suchen nach diesen entscheidenden „maximalen Chancen“-Zonen.
Praktische Tipps und Take‑aways für eine Direct Play‑orientierte Jugendausbildung
- Introduce POMO früh: Ab U9 kann eine einfache Visualisierung der „danger zones“ auf dem Spielfeld gezeigt werden. Verwende Kegel oder Markierungen, um anzuzeigen, wo die meisten Chancen entstehen.
- Nutze kleinseitige Spiele: Organisiere 5‑gegen‑5 oder 7‑gegen‑7 mit verkleinertem Feld und begrenze die Anzahl der Pässe auf drei. Das zwingt die Spieler, sofort zu denken.
- Arbeite mit Reihen schneller Umschaltungen: Lass Spieler nach einer Ballgewinnung sofort nach einer POMO‑Zone suchen und einen Pass geben. Übe das in Drills mit einem „Gewinn‑Trigger“ (zum Beispiel ein Ballverlust).
- Integriere Abseits rund um U11: Lass Spieler in einer Übung nur dann ein Tor erzielen, wenn sie sich außerhalb der Abseitslinie befinden, sodass sie lernen, Raum und Timing zu kombinieren.
- Überwache den Fortschritt über EPPP‑Phasen: Verfolge, welche Spieler die Direct Play‑Prinzipien beherrschen, und passe die Trainingsintensität an das Kategorie‑Audit des Vereins an.
- Binde Eltern in das Spielverständnis ein: Gib den Eltern eine kurze Anleitung mit Beispielen für „gute“ und „schlechte“ Pässe, damit sie zu Hause das richtige Feedback geben können.
- Bleibe flexibel: Direct Play ist keine starre Formel. Passe es an die Stärke des Gegners und die spezifischen Talente in deinem eigenen Team an.
Fazit
Charles Hughes’ Direct Play‑Philosophie, basierend auf dem POMO‑Konzept und den Reep‑Statistiken, bietet einen klaren Rahmen für die Entwicklung junger Fußballer innerhalb des englischen ‘England DNA’. Durch die Betonung schneller Ballbewegungen, das Suchen nach maximalen Chancen und die Integration dieser Prinzipien in kleinseitige Formate wird eine solide Basis geschaffen, die nahtlos in die volle 11‑gegen‑11‑Spielweise rund um die U13 übergeht. Trainer und Eltern, die diesen Ansatz übernehmen, können ihre Kinder nicht nur besser auf die taktischen Anforderungen des modernen Fußballs vorbereiten, sondern auch ihr Spielverständnis, ihre Entscheidungsfähigkeit und den Spaß am Spiel steigern. Mit gezielten Übungen, klarer Kommunikation und einem Fokus auf Qualität vor Quantität leistet Direct Play einen kraftvollen Beitrag zum Wachstum der nächsten Generation von Fußballern.