Spielformen · U18-U19

Argentinische U18‑U19 Spielweise: 11v11, volles Feld und die Potrero‑Philosophie

· 6 min AI-assisted
Argentinische U18‑U19 Spielweise: 11v11, volles Feld und die Potrero‑Philosophie

Einleitung

Für Trainer, Eltern und junge Spieler, die sich im argentinischen Jugendfußball vertiefen wollen, ist es essenziell, nicht nur die technischen Anforderungen zu kennen, sondern auch die zugrunde liegende Erziehungsp­hilosophie. In der Altersgruppe U18‑U19, lokal bekannt als Quinta oder Cuarta, wird ein vollständiges 11‑gegen‑11‑Spiel auf einem regulären Feld gespielt, mit Ballgröße 5 und einer vollständigen Abseitsregel. Dieses Konzept bildet die Brücke zwischen der spielerischen, improvisierenden Potrero‑Kultur und den immer professioneller werdenden Talentsuch‑Systemen (captación) von heute. In diesem Artikel tauchen wir tiefer in die Spielform, die einzigartige argentinische Trainingsphilosophie und die praktischen Implikationen für alle, die an der Entwicklung junger Fußballer beteiligt sind.

1. Die Grundlagen der Spielform und Regeln

Der U18‑U19‑Wettbewerb in Argentinien wird nach einer klassischen 11‑gegen‑11‑Aufstellung ausgetragen. Der verwendete Ball ist Größe 5, exakt derselbe wie in den Seniorenwettbewerben, sodass die Spieler frühzeitig an die Geschwindigkeit und das Gewicht eines erwachsenen Spielballs gewöhnt werden. Die Spielzeit besteht aus zwei Halbzeiten von jeweils 45 Minuten, was dem Seniorenformat entspricht. Diese Konsistenz ist wichtig für die physische und mentale Vorbereitung der Spieler: Sie lernen, ihre Energie über einen vollen 90‑Minuten‑Abschnitt zu managen, genau wie ein Profispieler es tun muss.

Was die Abseitsregel betrifft, wird sie vollständig angewendet (full offside). In vielen niedrigeren Jugendaltersklassen wird oft eine angepasste Abseitsregel verwendet, um das Spielverständnis zu fördern, aber bei U18‑U19 gilt die volle Regel. Das bedeutet, dass die jungen Spieler früh lernen, sich bewusst zu positionieren, Bewegungs­linien zu lesen und rechtzeitig auf den Pass ihres Mitspielers zu antizipieren. Es ist ein entscheidender Schritt in der Entwicklung des taktischen Verständnisses und hilft beim Übergang zum Profifußball, wo die Abseitsregel niemals angepasst wird.

Das Spielfeld ist „voll“, also ein vollständiges Maß nach internationalen Normen (etwa 105 m × 68 m). Die Nutzung eines vollen Feldes sorgt dafür, dass die Spieler genügend Raum haben, sowohl individuelle Aktionen (gambeta) als auch kollektive Bewegungen (Pressing, Kombinationsspiel) zu üben. Es ist zudem eine direkte Spiegelung des ‘potrero‑Narrativs’, in dem Raum und Improvisation im Mittelpunkt stehen.

2. Das Potrero‑Narrativ und Schlüsselbegriffe: menottismo und bilardismo

Argentinien ist weltweit für das ‘potrero‑Narrativ’ bekannt. Ein Potrero ist ein informeller, oft unbefestigter Spielplatz, auf dem Kinder mit einem Ball das Dribbeln, Tricks und das Lösen unerwarteter Situationen erlernen. Diese Umgebung legt die Basis für gambeta (technisches Dribbeln) und viveza (Klugheit). Bei U18‑U19 wird diese Kultur nicht abgelegt, sondern gerade in eine strukturierte Trainingsumgebung integriert. Trainer konzentrieren sich darauf, diese kreative Freiheit zu erhalten, während sie gleichzeitig die Spieler an die strengeren taktischen Anforderungen eines vollen Spiels gewöhnen.

Die Begriffe menottismo und bilardismo bilden einen ideologischen Rahmen, der die Philosophie der argentinischen Jugendausbildung beschreibt. Menottismo bezieht sich auf die Herangehensweise des ehemaligen Nationaltrainers und Trainers Marcelo Menotti, der den Schwerpunkt auf kollektives Spiel, Ballbesitz und eine hohe Arbeitsethik legt. Bilardismo hingegen symbolisiert eine eher individuelle, fast ‘billard‑artige’ Herangehensweise: Spieler müssen den Ball präzise platzieren, die Bewegung des Gegners antizipieren und in kleinen Räumen exakt handeln. Das Wechselspiel zwischen diesen beiden Strömungen erzeugt eine ausgewogene Entwicklung: Der Spieler lernt sowohl in einem kollektiven Kontext zu agieren als auch individuelle technische Perfektion zu erreichen.

In der Praxis bedeutet das, dass ein U18‑U19‑Training oft mit einem potrero‑ähnlichen Dribbel‑Circuit beginnt, gefolgt von einer Phase, in der die Teamtaktik (menottismo) ausgearbeitet wird, und endet mit einer abschließenden Situation, in der die Spieler kleine, präzise Pässe spielen müssen (bilardismo). Diese Abfolge sorgt dafür, dass der Spieler nicht nur technisch versiert ist, sondern auch versteht, wie diese Fähigkeiten im Teamkontext eingesetzt werden müssen.

3. Der Zeitpunkt des Übergangs zum vollen 11‑gegen‑11

In Argentinien wird das Konzept der novena verwendet, um den Übergang zum vollen 11‑gegen‑11‑Spiel zu beschreiben. Die Novena ist eine Phase, in der Spieler, meist im Alter von 12‑13 Jahren, schrittweise in den vollen Wettbewerb eingeführt werden. Bei U18‑U19 ist dieser Übergang bereits vollständig abgeschlossen; die Spieler haben das volle 11‑gegen‑11‑Spiel bereits mehrere Saisons hinter sich.

Die Bedeutung der Novena‑Phase liegt im schrittweisen Einführen der Abseitsregel. Wie bereits erwähnt, wird das Abseits meist erst ab 11‑gegen‑11 (Wettbewerb) eingeführt. Der Novena‑Zeitraum bietet ein sicheres Umfeld, in dem junge Spieler an die positionalen Anforderungen gewöhnt werden können, ohne den Druck eines vollen Spiels. Sobald sie die Novena abgeschlossen haben, wechseln sie in die volle 11‑gegen‑11‑Struktur, was in der U18‑U19‑Kategorie die Norm ist.

Für Trainer bedeutet das, dass der Fokus in der U18‑U19‑Gruppe nicht mehr auf dem Erlernen der Grundregeln liegt, sondern auf der Verfeinerung ihrer Anwendung. Spieler müssen nun die Abseitslinie nicht nur erkennen, sondern sie strategisch nutzen, um Raum für ihr Team zu schaffen. Das volle Feld und die volle Spielzeit bieten den Kontext, in dem diese Verfeinerung stattfindet.

4. Praktische Tipps für Eltern und Trainer

1. Arbeite am Abseitsbewusstsein in kleinen Spielformen. Obwohl die Abseitsregel vollständig ist, kannst du sie weiterhin in angepassten Mini‑Spielen üben. Lass die Spieler beispielsweise in einer 7v7‑Aufstellung eine ‘virtuelle’ Abseitslinie visualisieren und belohne kluge Positionierung.

2. Erhalte den Potrero‑Spirit. Organisiere einmal pro Woche eine freie Dribbel‑Session auf einem kleinen Feld oder in einem Park. Lass die Kinder selbst kreative Kombinationen ausprobieren, ohne strenge taktische Vorgaben. Das stärkt ihre gambeta‑Fähigkeiten und ihr Selbstvertrauen.

3. Integriere menottismo‑ und bilardismo‑Übungen. Beginne eine Trainingseinheit mit einer kollektiven Passübung (menottismo), bei der das Team in Bewegung bleibt, gefolgt von einer abschließenden Rondo‑Übung, bei der der Fokus auf schnellen, präzisen Pässen in kleinen Räumen liegt (bilardismo).

4. Behalte die physische Belastung im Auge. Ein volles 2×45‑Minuten‑Spiel erfordert eine gute Ausdauer. Sorge für eine Periodisierung, die sowohl Dauerlauf als auch Intervalltraining umfasst, sodass der Spieler sowohl eine Grundkondition als auch explosive Sprintfähigkeit entwickelt.

5. Binde Eltern in die Entwicklung ein. Erkläre, dass die ‘captación’ (Talentsuche) in Argentinien immer professioneller wird, die Basis jedoch weiterhin in der Potrero‑Kultur liegt. Indem Eltern sehen, wie Kreativität und Disziplin Hand in Hand gehen, gewinnen sie mehr Verständnis für die Trainingsmethoden.

6. Nutze Videomaterial. Analysiere Spiele professioneller argentinischer Clubs, achte darauf, wie Spieler die Abseitslinie nutzen und wie sie kleine, bilardismo‑artige Pässe ausführen. Lass die Jugendlichen das Material anschauen und bespreche die Erkenntnisse in einer Gruppendiskussion.

Fazit

Die U18‑U19‑Spielform in Argentinien kombiniert eine vollständige 11‑gegen‑11‑Struktur, eine vollständige Abseitsregel und ein komplettes Feld mit einer tief verwurzelten Potrero‑Kultur. Durch die Integration der ideologischen Rahmen von menottismo und bilardismo entsteht eine ausgewogene Entwicklung, in der sowohl Kreativität als auch taktisches Verständnis gepflegt werden. Für Trainer und Eltern bedeutet das, dass sie nicht nur auf physische und technische Aspekte achten müssen, sondern auch darauf, wie die Spieler ihr Improvisationsvermögen (gambeta) und ihr kluges Spiel (viveza) innerhalb eines professionellen Rahmens einsetzen. Mit den praktischen Tipps aus diesem Artikel können sie ein Umfeld schaffen, in dem junge argentinische Talente ihr volles Potenzial erreichen, bereit für den Sprung ins Seniorenfußball und den globalen Fußballmarkt.

Dieser Inhalt ist urheberrechtlich geschützt.